Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.
(Antoine de Saint-Exupéry)
Die Turin – Nizza Bikepacking Tour gilt als einer der schönsten und zugleich härtesten Graveltouren in ganz Europa. Auf dem Weg von Turin nach Nizza wird nahezu jeder verfügbare Bergpass und jede staubige Militärstraße mitgenommen, die es gibt. Je nach Routen- bzw. Variantenwahl stecken dann insgesamt etwa 600 bis 700 km und 15.000 bis 20.000 Höhenmeter in den Radlerbeinen. Ein wildes Gravelabenteuer der Extraklasse – diesmal ohne Vier- aber dafür mit Zweibeiner(n) 😉
Komootkollektion der Tour hier: Komoot Torino-Nice Rally | Fahrrad-Collection von komoot
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Die ersten Sonnenstrahlen erreichen unser Camp, der letzte Morgen auf der Bikepacking Rallye Turin-Nizza bricht an. Unsere vier Zelte stehen von Pinienbäumen umsäumt auf einem Bergrücken, nur wenige Meter auf der einen Seite von einem steilen Abgrund entfernt. Vor uns glitzert in naher Ferne das Mittelmeer, hinter uns liegen majestätisch die Seealpen. In Alex‘ Zelt raschelt es: „I will come out when the coffee is ready!“ Ich stehe neben Boran, einen der beiden lustigen Kroaten, die wir unterwegs aufgegabelt haben und sage: „I don’t need coffee, I don’t drink it.“ Boran lacht: „Of course you don’t need coffee, because you run on nuclear power!“ Ich grinse zurück. Morgensonne im Gesicht, Schmutz und Schweiß überall, schmerzende Beine, ein verstaubtes Rad mit quietschenden Bremsen. Schon lange habe ich mich nicht mehr so lebendig gefühlt. Und bei dieser Tour waren es nicht die zähen, holprigen Offroadstrecken oder die utopische Anzahl an Höhenmetern, welche dieses Abenteuer so einzigartig machten. Es waren die Menschen, denen wir entlang des Weges begegneten, mit denen wir radelten, lachten und unser Nachtlager aufschlugen, Sternschnuppen suchten und fanden.
Es fing mal wieder mit diesen „eigentlichs“ an. Eigentlich wollte ich nach der Lofotendurchradelung mit Hund keine Holperpisten-Bikepacking Tour machen, wenn sich die Mindestdosis an täglichen Höhenmeter im mittleren 2000er Bereich bewegt. Obwohl die Turin-Nizza Rallye mir schon seit einigen Jahren ein Begriff ist, habe ich diese aufgrund der zu erwartenden Schinderei nicht weiter beachtet. Genauso „eigentlich“ wollte ich, solange ich meine Fellnase noch habe, keinen Paragleitschein machen. Tja, aber wie ist das mit den „eigentlichs“… Nachdem mich Ende Juli Alex gefragt hat, ob ich mit ihm die Turin-Nizza Rallye fahren möchte, stehe ich nun Mitte August bei 35° in Turin, mit meinem bepackten Rad neben seinem. Ach ja und den Paragleitschein, den hatte ich wenige Tage davor dann auch in der Tasche. Acht Tage nach unserem Start zu zweit in Turin sitze ich mit Timo, einem Bikepacker aus Berlin, Boran und Hrvoje, den beiden kroatischen Bikepackern im Zug zurück nach Turin, während Alex sich aufs Rad Richtung Pyrenäen schwingt. Meine Haare noch nass vom Salzwasser, Kopf und Herz gefüllt mit wunderschönen Erinnerungen und einem dicken Grinsen im Gesicht.
„I have another question!“, sagt Boran, unser kroatischer Rechtsanwalt, den wir als Manager von unserer sechsköpfigen Radelgruppe auserkoren habe. Der ganze Tisch, bepackt mit sechs überaus dreckigen und überaus hungrigen Radlern lacht, während die junge Bedienung des Rifugios versucht, uns alle neugierigen Fragen zum Essen, Zelten, Duschen und Co. zu beantworten. Boran und Hrvoje haben wir bereits am ersten Abend nahe des Col de Colombardo, vor ihren Zelten sitzend und aus ihren kleinen Titantöpfchen schlürfend kennengelernt. Doch erst kurz vor dem nächsten Aufstieg zum Col de Finisterre kamen wir so richtig ins Gespräch und die Herrschaften tauschten allerlei Expertenwissen über Titanrahmen und diverse andere Radteile aus. Wir radelten einfach zusammen weiter, etwa eine halbe Stunde vor uns fuhr Timo aus Berlin, der jedoch ohne Zelt und Schlafsack unterwegs war und es deswegen eilig hatte, vor Anbruch der Dunkelheit noch ein Dach über den Kopf zu finden. Timo treffen wir vor dem Aufstieg zum Col d’Agnel und am Ende unserer Tour wieder. Neben Alex und mir und den beiden Kroaten sitzen noch Ursula und Milena aus Freiburg am Tisch. Ein abenteuerlustiges Mutter-Tochter-Gespann, welche jedoch bald eine etwas andere Route als wir einschlagen. Ursula mit ihrem E-Bike spielt hier den Lastenesel und die Akkus des E-Bikes laden, während wir beim Essen sitzen.
Geduldig und schmunzelnd beantwortet uns die Kellnerin unsere Fragen. Nur bei einer gibt es anscheinend mehrere Antwortoptionen. Die Frage nach dem Preis. „Sorry, I have a problem with numbers,“ lacht sie fröhlich. So schwankt der Komplettpreis für Abendessen, Zelten und Frühstück beständig zwischen 25 und 50 Euro pro Person und unsere Begeisterung ebenso. Ein wenig ernüchtert zahlen wir am nächsten Morgen nach einem mageren (typisch italienischen) Frühstück aus Weißbrot, Zwieback und Marmelade das Höchstgebot.
Mittwochs und samstags ist die alte Militärstraße entlang des Assietapasses für den motorisierten Verkehr gesperrt und wir radeln mit viel Schweißeinsatz bergauf, rollen entlang eines fantastischen Höhenwegs mit Blick auf die vergletscherten Viertausender und Tiefblicken ins Tal. Nach einer Weile holpern wir nur zu viert weiter nach Briancon, ein weiterer Aufstieg bei knapp 40 Grad, ein Supermarktfresserchen und der halbe Aufstieg zum Col d’Izoard am Abend folgen, bevor wir vier uns auf einer wunderschönen Lichtung ein Nachtlager suchen und ein Bad im kalten Bergbach nehmen.
Am nächsten Abend ist es soweit – der Punkt wurde mal wieder erreicht: die druckempfindlichen Oberschenkel schmerzen so sehr, dass ich nur noch mühsam auf dem Bauch einschlafen kann. Der Anstieg zum höchsten Punkt der Tour, dem Col d‘ Agnel (2744 m) ist wunderschön und trotz der Länge verhältnismäßig sanft. Hier passieren wir erneut die Grenze Frankreich-Italien und genießen eine der schönsten Abfahrten Europas. Dementsprechend müde brechen wir am nächsten Tag zum Col d’Sampeyre auf, welches uns angenehm kühl in den Wolken empfängt. Boran und Hrvoje mussten gestern früh wegen einem abgebrochenen Schaltauge zurück nach Briancon. Ich bin ein wenig traurig darüber, ob wir die beiden lustigen Kroaten noch mal wiedersehen? In der Abfahrt vom Col d’Sampeyre gabeln wir dafür Yvonne auf, eine Ultraleichtbikepackerin, die zwar mit Schlafsack, aber ohne Zelt und Isomatte unterwegs ist. Aufgrund der instabilen Wetterlage mit einigen Gewittern und Regenschauern in den nächsten Tagen entscheiden wir uns zu dritt für die Straßenalternative anstelle eines sehr exponierten und langen Offroadabschnittes. Laut quasselnd führen wir zwei Mädelsgespräche, während Alex die Flucht nach vorn ergreift. Endlich habe ich eine Leidensgenossin bei den steilen Anstiegen, welche man teilweise kaum ertreten kann. In den winzigen Abfahrten im Aufstieg zum Pass holen wir bei ca. einem Meter Abfahrt extra windschnittig Schwung. Doch es hilft alles nichts und wir keuchen stoisch weiter. Ich biete Yvonne einen Platz im Zelt an, zwar im Ölsardinen-Style, aber dafür trocken und warm. Doch sie zieht ein Biwak an einer Hütte vor und ich radle weiter zu Alex, der sich schon häuslich am See einrichtet. Das abendliche Bad im See, dazu Murmeltiergepfeife… was gibt es Schöneres?
Am nächsten Abend sitzen wir die nahende Gewitterfront in einer komfortablen Ferienwohnung aus. Dusche und Waschmaschine werden rege genutzt, bevor wir uns am nächsten Tag wieder in den Sattel schwingen. Leicht eingeregnet kommen wir bei Timo in Limone Piemonte an und gönnen uns Pizza. In Abstimmung mit den beiden Kroaten, welche uns mit etwas Verspätung hinterher düsen, beschließen wir den Colle di Tenda mit den Zug zu umfahren, um nicht ins Gewitter zu kommen. Vollkommen durchnässt und außer Atem, vier Minuten vor Abfahrt des Zuges trudeln Boran und Hrvoje wieder bei uns ein. Zu fünft nehmen wir den Zug nach Breil-sur-Roya, wo uns Timo Richtung seiner gebuchten Unterkunft verlässt. Wir vier beladen uns hingegen mit Leckereien zum Abendessen und strampeln den nächsten Pass hinauf, um ein traumhaftes und wohlverdientes Nachtlager zu erhalten. Das letzte auf unserer Tour. Das letzte Mal in die Milchstraße schauen, Sternschnuppen fangen und gemeinsam lachen. Zumindest vorerst ;). Timo sammelt uns am nächsten Morgen wieder ein und zu fünft erklimmen wir den allerletzten Anstieg Richtung Nizza und rollen frei und glücklich Richtung Meer. Der erste Stop: das berühmte Cafe du Cycliste. Und wen treffen wir da? Ursula und Milena. Ein wunderbares Wiedersehen und Abschied zugleich. Der nächste Stop ist ein Sprung ins Mittelmeer. Dann geht es für Timo, Boran, Hrvoje und mich zum Bahnhof und in den übervollen Zug zurück nach Turin.
Ich werde wohl noch einige Tage und Nächte brauchen, um all diese intensiven Erinnerungen ganz fest abzuspeichern. Mit einem Schmunzeln und voll Dankbarkeit. Und immer einem Blick in den Himmel, denn die nächste Sternschnuppe kommt bestimmt. 😉
P.S.: Besten Dank an Franz, der äußerst professionell und kurzfristig mein Radel für diese Strapazen hergerichtet hat!
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